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Synthese

Im November 2020 hätte das Ensemble unserer Schule die Gelegenheit gehabt, bei Festival Dialoge der Stiftung Mozarteum mein Werk „Synthese – ein imaginäres abstrakt-konkretes Musikertheater“, das ich vor fast 20 Jahren für die damaligen Schülerinnen komponiert hatte, aufzuführen. Das Konzert wäre sogar in Ö1 übertragen worden, aber es fiel, wie damals alles, einem Lockdown zum Opfer.

Im November 2021 hätten wir das Werk als Ersatz bei der „Langen Nacht der Komponistinnen und Komponisten“ im Solitär der Universität Mozarteum spielen können. Ein paar Tage vor unserem Auftritt wurde auch dieses Konzert infolge eines Lockdowns abgesagt.

Wir entschieden uns, das Stück, das wir intensiv geprobt hatten, wenn schon nicht live, dann doch zumindest in einer professionelle Ton-Video-Aufnahme zu dokumentieren. Ab November erfolgten die Tonaufnahmen, im April 2022 dann die Videoaufnahme. Nun ist alles fertig geschnitten und das Ergebnis ist wirklich beeindruckend.

Die Konzentration, mit der die Schülerinnen und Schüler hier gearbeitet haben, ihre Ausdruckskraft, ihr Engagement, das ist wirklich etwas Besonderes. Besonders berührend ist, wie ein Schüler unserer zweiten Klasse nach 16 Minuten ein großes Cellosolo spielt - das darf man nicht verpassen.

Oliver Kraft

Wer sich fragt, worum es in diesem Stück geht, kann im folgendem Text nähere Informationen erhalten:

Gedanken zum Stück Synthese – ein imaginäres abstrakt-konkretes Musiktheater

In Synthese setze ich mich auf unterschiedlichste Weise mit der Hegelschen Philosophie der Dialektik auseinander, mit dem Gedanken, dass jede These zwangsläufig auch ihr Gegenteil (die Antithese) hervorbringt. Beide heben sich in einer höheren Einheit – der Synthese – gegenseitig auf, indem sie sich zwar selbst überwinden, jedoch auch bewahren und so schließlich auf eine höhere Ebene gelangen. Das Wahre ist das Ganze, es beinhaltet somit notwendigerweise Gegensätze. Erst die Gegensätze ermöglichen ein produktives Schaffen, eine Weiterentwicklung

Der Gedanke an die schöpferische Kraft des an sich Gegensätzlichen, das sich in einer höheren Ebene als Ganzes, als Werk, offenbart, inspirierte mich musikalisch und führte schließlich zur Komposition von Synthese. Es ist ein Stück, dass mit unterschiedlichstem Textmaterial sowohl auf abstrakter als auch auf konkreter Ebene folgenden Gedanken thematisiert: Den Glauben daran, dass sich Wahrheit immer nur durch das Betrachten gegensätzlicher Seiten einer Sache ergibt, dass Gegensätze sich nicht ausschließen, sondern vielmehr eine schöpferische synthetische Kraft besitzen. Für ein Musiktheaterwerk in dem eine Handlung entwickelt wird, schien mir diese Thematik ungeeignet, eine dramatische Wirkung vermag sie allerdings durchaus auszuüben. Aus diesem Grund entschied ich mich, das Stück als imaginäres Musiktheater zu bezeichnen – das Dramatische soll sich durch die Musik und den Text vor dem inneren Auge des Zuhörers selbst entfalten.

Die dem dialektischen Prinzip zugrunde liegende Idee der Entwicklung auf eine höhere Stufe sollte aber auch auf anderer Ebene vermittelt werden: Eine zunächst abstrakte Auseinandersetzung sollte nach und nach einer konkreteren weichen. Die erste Ebene der Abstraktion findet sich im Symbol der begrenzten Linie: Als Text wählte ich dafür das Alphabet – zum einen, weil wir es gewöhnlich linear von A bis Z verwenden, zum anderen aber auch, weil es einen Schritt in Richtung Konkretisierung bedeutet. Musikalisch ist dem Alphabet eine Passacaglia unterlegt – eine Variationsform, bei der ein Grundthema durchgehend wiederholt wird und in den anderen Stimmen in Variationen immer neu umspielt wird. Die Passacaglia in Synthese arbeitet jedoch mit zwei verschiedenen Variationsprinzipien: Zunächst werden mehrere Themen von unterschiedlicher Länge nach und nach übereinandergeschichtet. Daraus ergibt sich zwangsläufig ein sich stets wandelndes musikalisches Ganzes. Auf einer zweiten Variationsebene wird dieses Themengeflecht von einer großen Kantilene für Violine und Cello umspielt. Da man bei einer begrenzten Linie von beiden Endpunkten zur Mitte gehen kann, ergibt sich, wenn man bei beiden Seiten gleichzeitig beginnt und bei der Mitte nicht halt macht, auf die Musik übertragen, die Notwendigkeit der Krebsform – d.h., ab der Mitte der Passacaglia wird sie rückwärts gespielt bzw. rückwärts gesprochen.

Dem nächsten Abschnitt liegt ein Text von Spinoza zugrunde, jedoch wird dieser Text zunächst in seine Bestandteile – die Worte – aufgelöst. Jeder Sprecher rezitiert eine gewisse Anzahl von Worten zu einer tänzerischen Musik im 12/8 Takt. Die Worte werden zunächst einzeln und voneinander losgelöst gesprochen, dennoch ergeben sich stets kleine „Binnen-Sinnebenen“, die zwar nichts mit Spinozas Aussage zu tun haben, aber dennoch gewisse Assoziationen auslösen. Der Tanz beruhigt sich, vom 12/8 Takt sind nur noch Erinnerungen da – und nun ist auch die Zeit reif für die erste konkrete Textpassage – die Textstelle Spinozas in ihrer Originalgestalt. Spinoza habe ich gewählt, weil sein Gedankengut auch als frühe Vorstufe von Hegels Dialektik gesehen werden kann und weil ich eine philosophische Auseinandersetzung über den freien Willen der Menschen verwenden wollte. Für Spinoza gibt es nur die „Substanz“ – dass, „was (1.) in sich ist und (2.) durch sich begriffen wird“ – Attribute, Arten der Darstellung dieser Substanz sind die Beseeltheit und die Ausdehnung, jedoch im weiteren Sinne gesehen ist alles Eines: Gott und die Natur in einem. Gott vermag in seelischen und körperlichen Attributen zu erscheinen – Spinoza nennt dies „Modi“. Menschen z.B. sind endliche Modi, da sie zeitlich und räumlich beschränkt sind. Eine Konsequenz dieses Denkens ist, dass Spinoza den freien Willen des Menschen als nicht existent bezeichnet – und eine Textstelle, in der genau dies thematisiert wird, habe ich ausgewählt.

Doch wollte ich im Sinne der Synthese auch eine andere philosophische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Willen verwenden – und da bot sich Kant an. Um den für das Stück wesentlichen Gedanken aus dem umfangreichen Werk von Kant herauszugreifen, reicht es, darauf hinzuweisen, dass Kant dem freien Willen eine zentrale Rolle in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ zugeordnet hat. Moralisches Handeln ist nur durch die Autonomie und Freiheit des Willens denkbar und so formuliert Kant auch die allgemeine Gesetzgebung, die unter dem Begriff „kategorischer Imperativ“ bekannt wurde: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß ein allgemeines Gesetz werde“. In der zitierten Textstelle beschreibt Kant den Menschen auf zweierlei Ebenen: Auf der ersten Ebene zählt der Mensch zu der Welt der Erscheinungen, denn sein Körper ist der Kausalität der Natur unterworfen, auf der zweiten zählt der Mensch jedoch auch zu der Welt der Geisteswesen, und in dieser Welt herrscht Freiheit, und somit ist Wille auch möglich.

Unterlegt ist dieser Textstelle ein „Hymnus“ der v.a. durch drei musikalische Merkmale gekennzeichnet ist: Erstens das Atmen als Sinnbild für die Freiheit, zweitens durch eine Akkordkette, die in extrem langsamem Tempo in beiden Klavieren vom höchsten bis ins tiefste Register führt und drittens durch ein expressives Cellosolo, das als emotionale Manifestation des freien Willens das Stück musikalisch beendet. Als textlichen Abschluss folgt ein Gedicht von Rainer Kunze, ein Gedicht, das für mich mit „Augenzwinkern“ das poetische Bild und somit auch die Freiheit der Vorstellungskraft thematisiert.

Oliver Kraft

Textstellen

Die Menschen täuschen sich, wenn sie sich für frei halten; und diese ihre Meinung besteht allein darin, daß sie sich ihrer Handlungen bewußt sind, ohne eine Kenntnis der Ursachen zu haben, von denen sie bestimmt werden. Die Idee ihrer Freiheit ist also die, daß sie keine Ursache ihrer Handlung kennen. Denn wenn sie sagen, die menschlichen Handlungen hingen vom Willen ab, so sind das Worte, mit denen sie keine Idee verbinden. Was nämlich Wille sei, und wie er den Körper bewegt, das wissen sie alle nicht.

Aus: Baruch de Spinoza: Ethik

Von (…) der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei, und er sei doch zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen, d.i. nicht frei, ohne in einen offenbaren Widerspruch zu geraten; weil ich die Seele in beiden Sätzen in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding überhaupt (als Sache an sich selbst) genommen habe, und, ohne vorhergehende Kritik, auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat, da sie das Objekt in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, nämlich als Erscheinung, oder als Ding an sich selbst; wenn die Deduktion ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz der Kausalität nur auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich so fern sie Gegensätze der Erfahrung sind, geht, eben dieselbe aber nach der zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind: so wird eben derselbe Wille in der Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetze notwendig gemäß und so fern nicht frei, und doch anderseits, als einem Dinge an sich selbst angehörig, jenem nicht unterworfen, mithin als frei gedacht, ohne daß hierbei ein Widerspruch vorgeht. Ob ich nun gleich meine Seele von der letzteren Seite betrachtet, durch keine spekulative Vernunft (noch weniger durch empirische Beobachtung), mithin auch nicht die Freiheit als Eigenschaft eines Wesens, dem ich Wirkungen in der Sinneswelt zuschreibe, erkennen kann, darum weil ich solches seiner Existenz nach, und doch nicht in der Zeit, erkennen müßte (welches, weil ich meinem Begriffe keine Anschauung unterlegen kann, unmöglich ist) so kann ich mir doch die Freiheit denken.

Aus: Immanuel Kant: Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“

 

GESPRÄCH MIT DER AMSEL

Ich klopfe an bei der amsel

Sie

zuckt zusammen

Du? fragt sie

 

Ich sage: es ist still

 

Die bäume

loben die lieder der raupen, sagt sie

 

Ich sage: …der raupen?

Raupen können nicht singen

 

Das macht nichts, sagt sie,

aber sie sind grün

 

Aus: Rainer Kunze: Gespräch mit der Amsel

Oliver Kraft: "Synthese – ein imaginäres abstrakt-konkretes Musiktheater“ für vier Sprecher:innen und Ensemble

vertone Texte: Alphabet, Spinoza, Kant, Kunze

 

Sprecher:innen: Laetitia Sulzberger, Viktoria Kwisda, Frederik von Maldeghem, Lola Flieher

Ensemble:

Klavier: Carola Prähauser & Josephine Ahorner

Violine: Constanze Fritz & Simon Stockhammer

Violoncello: Emilian Schmid

Flöte: Luisa Doblhofer

Oboe: Klara Reiter

Percussion: Ronja Menghin

Leitung: Oliver Kraft

 

Ton: Oliver Kraft

Kamera: Natalie Cortiel

Schnitt: Oliver Kraft

St. Ursula Salzburg, 2022

 

 

ORF-Beitrag "Salzburg Heute": Zeitgenössisches Musiktheater bei den Ursulinen:

 

 

 

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